Reiner Gläser
Nachruf auf einen außergewöhnlichen Menschen und Mitkämpfer
Reiner Gläser ist tot. Am 27.06.2026 ist er gestorben – wenige Wochen, nachdem er zum letzten Mal getan hat, was er sein Leben lang tat: sich wehren. Wir, die Selbsthilfegruppe ehemaliger Heimkinder, verlieren mit ihm einen unserer Ersten, einen Mitbegründer, einen unbeugsamen Freund. Wir schreiben diese Zeilen nicht, um ihn zu betrauern und dann zu schweigen. Wir schreiben sie, damit sein Kampf nicht mit ihm verschwindet.
Der Junge, der sich ein Bild aussuchte
Im Sommer 1969 war Reiner neun Jahre alt. Er lebte mit seinen Brüdern bei den Eltern in Bliesheim, vor den Toren Kölns. Man sagte ihm, er dürfe sich eine Schule für besonders kluge Kinder selbst aussuchen, und zeigte ihm Fotos. Ihm fiel ein schwarz-weißes Fachwerkhaus ins Auge, mitten in Wiesen und Feldern: das „Gut an der Linde“ in Moitzfeld bei Bergisch Gladbach. Harmonisch sah das aus. Friedlich. Dorthin wollte er.
Es war kein Ort für kluge Kinder. Es war ein Kinderheim der Bergischen Diakonie Aprath, unter der Aufsicht des Landschaftsverbands Rheinland. Und was Reiner dort erwartete – von 1969 an, über Jahre –, war das genaue Gegenteil des Bildes, das man ihm gezeigt hatte.
Vier Wände, in denen die Zeit stehengeblieben war
Schon nach wenigen Tagen ohrfeigte ihn ein Erzieher, weil er die abendlichen Tabletten nicht schlucken wollte – „Bonbons“ nannte man sie. Erst Jahre später fand Reiner heraus, was er da Abend für Abend genommen hatte: Valium, ein starkes Beruhigungsmittel, dazu Encephabol und Adumbran – Präparate, die bis heute ausdrücklich Erwachsenen vorbehalten sind. Dazu kamen Prügel beim kleinsten Anlass, Beleidigungen, das eingebrannte „Du kannst nichts, du bist nichts“. Und nachts, wenn die Betäubung wirkte, kam ein Erzieher in den Schlafsaal und vergriff sich an den wehrlosen Jungen.
Eine Geschichte hat Reiner sein Leben lang nicht losgelassen: Als Zehn- oder Elfjähriger fand er auf der Straße zwanzig Mark. Er steckte das Geld nicht ein, sondern brachte es zum Fundbüro – und kam deshalb zu spät ins Heim zurück. Zur Belohnung für seine Ehrlichkeit bezog er die Prügel seines Lebens: Faustschläge ins Gesicht, aufgeplatzte Lippe, blaue Flecken am ganzen Körper. Als eine Woche darauf eine Journalistin ihn wegen der guten Tat fotografieren wollte, überschminkte die Sekretärin die Spuren, und Reiner musste ein Lächeln spielen. Der Heimpfarrer aber meldete sich beim Fundbüro und kassierte die zwanzig Mark selbst.
Was in diesem Heim geschah – aktenkundig
Reiners Erinnerungen sind keine Behauptungen. Sie stehen in Akten, in Behördenschreiben, in einem Gerichtsurteil. Bereits im September 1971 meldete die Heimleitung dem Landesjugendamt den dringenden Verdacht, ein Vorpraktikant habe sich nachts in den Schlafräumen an Jungen vergangen und einem Kind sogar den Penis in die Hand gedrückt und weit Schlimmeres angetan. Am 12. September 1973 verurteilte ein Gericht diesen Mann – wegen Missbrauchs an Heimkindern. Der Landschaftsverband Rheinland hielt in einem Bericht fest, das Haus sei „aus dem Ruder gelaufen“; die Jungen lägen „mitten im Raum nur mit einer verdreckten Unterhose bekleidet auf bloßen Matratzen auf dem Boden“. Mitschriften ehemaliger Heiminsassen berichten von nächtlichen Übergriffen, von einer Vergewaltigung, von Kindern, denen auf dem Feuerplatz ein rostiger Nagel durch den Fuß geschlagen wurde. Reiner war in jenen Gruppen; Leidensgenossen nennen ihn namentlich als einen, der dabei war.
Das ist der Ort, an dem man einem neunjährigen Jungen sagte, er habe sich eine gute Schule ausgesucht.
Der Junge, der sich schon als Kind wehrte
Und doch ist dies auch die Geschichte eines Widerstands, der früh begann. Im März 1973 schrieb ein „Arbeitskreis“ der Heimjungen – von den Kindern selbst gewählt, „um ihre Interessen zu vertreten“ – an den Direktor des Landschaftsverbands. In ungelenker, aber unerschrockener Schrift klagten sie einen Erzieher an, der „wiederholt in mehreren Zeitabständen“ auf ihre Kameraden einschlug. Sie unterschrieben mit „Hochachtungsvoll, Der Arbeitskreis“. Und darunter, mit Bleistift, ein einziger Satz, der alles enthält: „Der Arbeitskreis wartet auf Antwort.“
Diese Kinder haben Jahrzehnte auf Antwort gewartet. Reiner Gläser hat aufgehört zu warten. Er hat selbst geantwortet – mit seinem Leben.
Der Mann, der nicht mehr schwieg
Andere schwiegen. Reiner nicht. Er trug über Jahre akribisch jede Akte zusammen, die er über seinen Fall bekommen konnte – ganze Festplatten voll Dokumente, Berichte, Fotos. Mit neuen Verfahren ließen sich sogar noch Reste jener Medikamente in seiner DNS nachweisen, die man ihm als Kind eingeflößt hatte. Der Körper vergisst nicht, was Institutionen so gern vergessen machen.
Er erstattete mehrfach Anzeige gegen Erzieher, die er ausfindig gemacht hatte. Jedes Mal lautete die Antwort: verjährt. Und doch hörte er nicht auf. Er sprach mit Journalisten, zuerst anonym, dann mit seinem vollen Namen – ein Mut, den nur ermessen kann, wer weiß, wie viel Scham und Angst über den Betroffenen liegt. Reiner Gläser hat seinen Namen genannt, damit die Wahrheit einen Namen bekam.
Mitbegründer und Kämpfer
Reiner blieb nicht allein, und er ließ andere nicht allein. Als der Landschaftsverband Rheinland 2012 einen begleitenden Arbeitskreis zu seiner Anlauf- und Beratungsstelle für ehemalige Heimkinder einrichtete, war Reiner von der ersten Sitzung an dabei – als „Experte in eigener Sache“, wie es hieß, einundfünfzig Jahre alt, mit einem Leben voller Recherche im Gepäck. Über die Aufarbeitung hinaus wollte er handeln. Gemeinsam gründeten wir die Selbsthilfegruppe ehemaliger Heimkinder im Rheinland – Reiner als treibende Kraft, als Kontaktadresse, erreichbar rund um die Uhr, in Notfällen auch nachts. Er hatte Kontakt zu rund 130 Ehemaligen aus dem eigenen Heim und zu über tausend aus anderen Häusern. Wo verhandelt, gemahnt, erinnert wurde, war Reiner dabei – hartnäckig, streitbar, unbequem für alle, die lieber ihre Ruhe gehabt hätten. Auch für einen Erinnerungsort an die „schwarze Pädagogik“ der Heimerziehung, im ehemaligen Arresttrakt des Halfeshofs in Solingen, hat unser Arbeitskreis gestritten – damit die Räume selbst erzählen, was Menschen nicht mehr glauben wollen.
Eine Anerkennung, die keine war
Am 16. November 2021 erhielt Reiner Post von einer kirchlichen Anerkennungskommission. Sie habe, hieß es, „die Auswirkungen der sexualisierten Gewalt“ auf sein Leben und „ein mögliches institutionelles Versagen“ berücksichtigt und ihm eine Leistung von 30.000 Euro zugesprochen. Und dann, im selben Brief, der Satz, der alles wieder einriss: Es handele sich um „eine freiwillige Leistung, die ohne die Anerkennung einer Rechtspflicht erfolgt“.
Ohne Anerkennung einer Rechtspflicht. Nach allem. So sieht es aus, wenn Institutionen „Verantwortung“ sagen und meinen: Wir schulden dir nichts. Reiner hat das Geld genommen und den Kampf nicht aufgegeben. Denn was ihm genommen worden war, stand auf keiner Überweisung.
Seine letzte Nachricht
Am 12. Juni 2026 erreichte uns sein letztes Dokument: eine Klage beim Sozialgericht Köln. Sie richtete sich gegen die Ablehnung seiner Ansprüche – Bescheid vom 20. Februar 2026, Widerspruchsbescheid vom 30. April 2026 – und war der Versuch, noch einmal das durchzusetzen, was man ihm ein Leben lang verweigert hatte: die volle Anerkennung des Unrechts.
Es ist die bitterste Wahrheit dieses Nachrufs, dass Reiner bis zuletzt beweisen musste, was man einem Kind angetan hatte. Der Angeklagte ist das Opfer – so haben wir es genannt. Nicht die Heime, nicht ihre Träger, nicht die Kirchen und Aufsichtsbehörden mussten sich erklären. Das Opfer musste es. Reiner hat sich bis zum Schluss geweigert, dieses zweite Unrecht hinzunehmen. Seine Klage blieb sein letztes Wort – ein Aktenzeichen, und dahinter ein ganzes gekämpftes Leben.
Was bleibt
Ob ein Gericht ihm noch recht gegeben hätte, ob eine Behörde sein Leid je vollständig anerkennt, ob ein Träger es auf seiner Internetseite stehen lässt – das entscheidet nicht mehr über die Wahrheit dessen, was Reiner Gläser widerfahren ist. Aus Sicht der Akten mögen sie ihn löschen wollen. Er existiert dennoch. Und mit ihm seine Geschichte. Niemand hat sie ihm gegeben, also kann niemand sie ihm nehmen. Sie gehört uns.
Reiner war ein außergewöhnlicher Mensch: klug, wütend, warmherzig und von einer Beharrlichkeit, die keine Behörde müde machen konnte. Er hat gekämpft, damit die, die nach ihm kommen, es leichter haben. Wir werden diesen Kampf weiterführen. Das sind wir ihm schuldig.
Und wir werden auf Antwort warten – so lange es dauert. Der Arbeitskreis wartet noch immer.
Lieber Reiner, ruh dich aus. Du hast genug gestritten. Wir übernehmen von hier.
Ernst Christoph Simon Selbsthilfegruppe ehemaliger Heimkinder in der Städteregion Aachen
