Biografie

Acht Jahre Heimerziehung

Jenseits der sechzig beginnt die Zeit der Rechenschaft. Pläne können nicht mehr aufgeschoben, Versäumnisse immer seltener nachgeholt, Versprechen müssen eingelöst oder für immer gebrochen werden. Die Psychologie sagt, dass in diesem Alter jahrzehntelang gehütete Lebenslügen aufbrechen, Traumata zurück ins Bewusstsein drängen, verschüttete Ängste wieder zum Vorschein kommen.

Das Thema der Heimerziehung wurde in Medien, im Gespräch mit meinem Bruder immer eindringlicher. Die Erinnerungen an die Heimerziehung immer stärker, ich kann mich ihnen immer weniger entziehen. Es ist auch bei mir soweit die Auseinandersetzung mit diesem Teil meiner Geschichte zu suchen – aber will ich das wirklich?

Mit Heimleitern, Sozialarbeitern, Diakonissen, Nonnen oder mit Pfarrer und Priestern reden. Das sind Menschen die nie mit mir geredet haben – von denen habe ich Anweisungen bekommen. Sie, die sich rechtfertigen müssen für ihre Pädagogik, vor denen soll ich mich erklären? Soll Entschuldigungen entgegennehmen von Leitern und Vertretern von Institutionen, die gleichzeitig die Täter abschirmen und in ihren Archiven nichts mehr von mir finden? Soll Nachweise führen gegenüber denen, die Unterlagen verborgen halten oder diese nicht aufbewahrt konnten?

Mein Bruder hat versucht unsere Heimexistenz nachzuweisen und unser Leid mit Dokumenten zu belegen. Mit dem Ergebnis, dass bis heute nach intensiven Nachfragen an vielen Stellen nicht mal unser formaler Aufenthalt in den Heimen belegbar ist. Die Heime, die uns nie ein Heim waren, sind abgerissen die Dokumente wurden ausgelagert, wohin, wann und durch wen sie letztendlich vernichtet wurden, ist nicht zu erfahren. Namen von Kindern, die das gleiche Schicksal erlitten haben, werden nicht genannt1 oder sind wirklich nicht bekannt. Ein ernsthaftes Bemühen um wirkliche Aufklärung ist nicht erkennbar. Nur durch sekundäre Dokumente wie Zeugnisse lässt sich der Heimaufenthalt glaubhaft machen. Wir als Brüder können unser Schicksal bezeugen, schwer hat es der, der im Heim alleine war.

Es ist schwer sich mit mächtigen und reichen Institutionen (asymetrische Machtverhältnisse) auseinanderzusetzen, die offensichtlich kein rechtes Interesse an Aufklärung haben.

Aus Sicht der Akten existieren wir mit unserer Heimbiographie nicht mehr. Wir als Brüder existieren noch – und damit auch unsere Geschichte.

Daher möchte ich meinen Bruder und mich vorstellen und Ausschnitte dieser Geschichte erzählen.

Mein Bruder, Ernst Christoph Simon wurde 1948 in Gummersbach geboren. Ein Jahr und acht Tage später wurde ich, Thomas Rainer Simon 1949 in Gummersbach geboren. Mein Vater war kriegsversehrt, ein Arm amputiert, anfänglich als kaufmännischer Angestellter, später als Handelsvertreter beschäftigt. Mein Vater wurde auf dem Schwarzmarkt in Köln aufgegriffen und musste ins Gefängnis. Meine Mutter war nicht berufstätigt. Die Ehe meiner Eltern wurde schon früh, im Jahr 1950 geschieden und meine Mutter musste uns alleine durchbringen.

Im Alter von fünf Jahre kamen mein Bruder und ich in das Kinderheim evangelische Probsthofschule in Niederdollendorf. (Träger Diakonie Kaiserwerth) Wer für die Einweisung zuständig war ist nicht mehr zu ermitteln.

Der Probsthof war ein Kinderheim mit angeschlossener Grundschule.

Landschaftlich schön ist das Kinderheim zwischen den Weinbergen des Siebengebirges und in direkter Nähe des Rheins gelegen. Bundeskanzler Adenauer, wohnhaft in Rhöndorf – fünf Kilometer entfernt, bescherte uns Kindern Weihnachten in Begleitung eines Medientrosses. Die Bilder zeigen eine schöne Welt, leider nicht unsere Welt

DaS Heim lag umgeben von einer Mauer, die Eingänge überwacht. Kontakt mit den Einwohnern des Ortes gab es nicht, war nicht erwünscht, wurde unterbunden. Unser Essen war dürftig und zum Kotzen. Disziplin wurde groß geschrieben und mit allem Nachdruck durchgesetzt. Wenn wir das Heim verließen, verließen wir es als Gruppe und „marschierten“ in Zweierreihen geführt von einer Diakonisse.

Mein Bruder wurde eingeschult ich war für ein Jahr in der Warteschleife. Schutzlos, allein gelassen, gedemütigt, in einer emotionalen Wüste. Wenn er in der Schule war, vermisste ich meinen großen Bruder sehr und war nicht empfänglich für Anweisungen der Diakonissen. Diese wollten ihren Schutzbefohlenen und damit auch uns mit Druck ihre Vorstellungen aufzwingen. Dies geschah mit Schlägen, Erbrochenes musste ich wieder essen, Prügel mit dem Rohrstock auf alle Körperteile, Einsperren im Kohlenkeller ohne Stuhl oder Pritsche, manchmal die halbe Nacht über.

Ich reagiert immer weniger auf diese Maßnahmen wurde physisch immer labiler, machte ins Bett, trotzte, wurde immer verschlossener.

Wir schliefen in einem großen Schlafsaal. Das Plumpsklo war im Außenbereich. Nach 18:00 Uhr war für uns Kleinen Schlafenszeit, dann war ein Gang auf die Toilette nicht mehr möglich. Wenn trotzdem jemand hinausging und erwischt wurde stand man für Stunden auf der Veranda in seinem Nachthemd und fror fürchterlich.

Die Lage eskalierte insofern, dass ich nur noch über meinen Bruder ansprechbar war. Auf Erwachsene hörte ich nicht mehr, reagierte nicht mehr auf ihre Strafen. Mein Bruder wurde natürlich auch als schuldig angesehen und jeweils mit bestraft. Für besonders schwere Fälle der Bestrafung war der Hausmeister/Heizer der Schule zuständig. Soweit sich mein Bruder erinnern kann, war es ein ehemaliger Polizist. Aber wir war nicht die großen Jungs, die üblicherweise seinen Misshandlungen ausgesetzt waren, sondern kleine, schmächtige Jungs von sechs, sieben Jahren.

Als Folge wurden wir dann nachmittags bei unseren Gruppenausflügen an den Rhein gezwungen , das Schild mit der Aufschrift „Ich bin ein Bettnässer“ zu tragen.

Nach einer Strafpredigt nahm er seinen Gummiknüppel/Schlauch und schlug auf mich und meinen Bruder bis unsere Rücken voller blauer Striemen und Rippen wund waren. Grauenhaft, traumatisierend. Wir konnten vor Schmerzen uns kaum bewegen.

Meine Mutter hat uns besucht, wann immer es ihr möglich war. Möglich war es selten, die Heimleitung wollte keine Besuche, da die „pädagogischen“ Abläufe gestört würden und die Anfahrt war damals zwischen Wohnort meiner Mutter und dem Heim sehr aufwendig.

Glücklicherweise hat uns unsere Mutter zeitnahe nach einer dieser Misshandlung besucht. Nach einem Blick auf meinen Rücken hat sie uns mit nach Hause genommen.

Meine Mutter musste arbeiten wir in die Schule. Wir wurden in ein „besseres Heim“ nach Waldbröl gebracht. Ein Vormund hat dafür gesorgt, der Name ist heute nicht zu ermitteln. Zu Lebzeiten meiner Mutter, war dies ein Thema, das nicht zu besprechen war.

Meine Situation war besonders schwierig, da ich nicht bereit war auf Erwachsene zu hören. In der Schule wurde ich in die erste Klasse zurückversetzt. Ein Psychologe diagnostizierte, dass ich ein debiles Kind sei und zwingend von meinem Bruder getrennt werden müsse. Die Folge war, dass mein Bruder alleine im Kinderheim Waldbröl verblieb und ich zu einer Pflegefamilie nach Ewersbach geschickt wurde. Die Pflegefamilie hat sich sehr um mich bemüht, hat mich aber nach einem Jahr abgegeben, da die Fortschritte aus ihrer Sicht nicht so groß waren, wie erhofft.

Ich kam ins Heim nach Waldbröl, endlich wieder mit meinem Bruder zusammen.

Das Kreiskinderheim Waldbröl war insofern besser als der Kinderknast in Niederdollendorf, da es stärker einer öffentlichen Kontrolle ausgesetzt war. Wir Kinder besuchten jetzt eine öffentliche Schule und konnten uns außerhalb des Kinderheims freier bewegen und mit anderen Kindern kommunizieren. Intern waren die pädagogischen Prinzipien auf Zucht und Ordnung ausgelegt und die Ziele der Heimleitung wurden mit Gewalt durchgesetzt. Es gab eine Jungen- und Mädchenstation, die strikt getrennt waren. Problem war hier, dass jüngere (Schulanfänger)und ältere (kurz vor der Schulentlassung) Kinder auf engem Raum zusammen lebten. Die älteren Kinder waren angehalten die Jüngeren mit zu erziehen. Die gingen nach den gleichen pädagogischen Prinzipien wie die Diakonissen vor. Das bedeutete für uns jüngere – Unterdrückung, Schläge von den Diakonissen und den älteren Heimkinder als selbsternannte Ersatzerzieher. Die Schläge waren nicht so brutal wie in Probsthof, insofern eine Verbesserung, aber man musste permanent auf der Hut sein. Wir waren einem Terror (im Sinne von Gewalt, häufig ohne Anlass, ohne Grund) ausgesetzt, dem wir uns schlecht entziehen konnten und darin keine Unterstützung durch Erwachsene fanden. Hier war es schon gut einen Bruder zu haben.

Die Sexualerziehung war für die Diakonissen unbekannt oder Teufelswerk – daher wurde auf diesem Gebiet wohl von älteren Jungen nur experimentiert und wir Kleineren waren verständnislos und überfordert.

Alle Misshandlung, die wir in den Heimen erfahren haben, aufzuzählen ist nicht Sinn dieser Zusammenfassung. Hier gibt es genügend Literatur, Berichte in denen ich mich und Lebens -und Leidesgenossen in ihren Misshandlungen wiedererkenne. Alles erneut aufzuzählen, schmerzt zu sehr.

Im Jahr 1962 ging nach acht Jahren, in der wir in der Obhut der Diakonie waren, das Martyrium zu Ende.

Eine Arbeitsstelle auf der Nordseeinsel Amrum ermöglichte unserer Mutter uns aus dem Heim zu nehmen und eine kleine Wohnung anzumieten, in der wir als Kleinfamilie ohne die seelischen Belastungen des Heims leben konnten.

Bei allem Elend, das wir erlebt haben, gab auch ein paar schöne Dinge. Es war nicht viel, das Wichtigste sicher die Liebe und Verlässlichkeit meines Bruders, auf die ich mich auch heute noch blind verlassen kann.

Wir waren der Obhut unser Erzieher entronnen, erst nach und nach wurden einem selbst die Folgen dieser Heimerziehung erkennbar. Es bedurfte Jahre bis mein Misstrauen, meine Furcht, meine Angstzustände sich lösten – ein Prozess, der bis heute noch anhält.

Heute existiert ein Fond “Heimerziehung West”, der verlangt, dass ich die Folgeschäden meines achtjährigen Heimaufenthalts benenne, zuordne und Nachweise aufzeige, um ihm eine Grundlage für die Rechtmäßigkeit einer Wiedergutmachung aufzuzeigen. Wie soll das möglich sein?

Körperliche Gewalt:
Siehe Bericht, ohne hier vollständig zu sein. Wirkungen Angstzustände, Unfähigkeit über Emotionales zu sprechen, Verschlossenheit.

Religöser Zwang und Diskrimierung
Erfolgte täglich, religiöse, christliche Erziehung, die leider keine Vorbildfunktion hatte sondern Rituale in Form von Gebet, Singen, Schlägen beinhaltete. Folge ist, dass eine allergiegleiche Abwehrreaktion gegen jede Art von organisierter Religion entwickelt habe.

Mangelnde Gesundheitsfürsorge:
Auf Zahnhygiene wurde in der Erziehung noch in der täglichen Umsetzung Wert gelegt. In Verbindung mit einer unzureichenden Ernährung (Siehe hier die Beschreibung von Schwester Katherina Schlierbach) gab es schon frühzeitig Problem mit den Zähnen. Die zahnärztliche Behandlung war mehr provisorisch. Folge: Zahnverlust und ständig Probleme mit den Zähnen.

Arbeit im Heim:
Es ist auch in der Familie üblich, dass Kinder im Haushalt oder Garten, Hof oder Stall helfen.
Hier im Heim war die Arbeit ausgedehnt, Putzen des Heims, Helfen in der Küche und Fegen der Heimumgebung, Gärtnern der unmittelbaren Umgebung. In Waldbröl waren Heim und Krankenhaus einem Gutshof angegliedert, auf dem wir Kinder immer zu helfen hatten und zur Erntezeit ging es wochenlang täglich geschlossen aufs Feld.

Vorenthalten der Entwicklung vorhandener Begabungen:
Hier wurde nur eine Begabung gefördert, das Auswendiglernen von kirchlichen Liedern und Texten. Alle anderen Talente wurden weder gesehen noch erkannt oder gar gefördert. Schwächen, wie z.B. Legasthenie wurden nicht erkannt noch entgegengewirkt. Hier wurde höchsten mit dem Rohrstock Anregung gegeben.
Die Folgen waren, dass Jahrzehnte an Nacharbeit notwendig waren, um die Defizite zu bekämpfen.

Anlage: Zustand Kinderheim Probsthof

Anmerkungen aus der Broschüre von Ernst Füg, „Nehmt uns auf“, Geschichte des evangelischen Kinderheim Probsthof Königswinter-Niederdollendorf 1974 zum Zustand des Heimes 1954, Seite 70/71 Schwester Katherina Schlierbach schilderte den Zustand wie folgt:

„ Das Haus ist immer gut belegt, so dass wir auch wirtschaftlich keine Schwierigkeiten haben“ schrieb sie 1954. Dennoch künden sich Zeiten eines Überganges an und mit ihnen die Probleme, die jeder Wechsel einer Epoche mit sich bringt. Die Häuser (Probsthof) leiden unter Überalterung. Die Mängel sind immer fühlbarer. Wasserversorgung und Heizung reichen nicht aus, das warme Wasser fehlt ganz. Die Toiletten sind unzureichend. Die Küche muss modernisiert werden. Neue Geräte sind zu beschaffen

Das Haus ist einfach eingerichtet mit seinen getünchten Wänden und ihren „billigen Borten“. Die Hygiene ist sehr primitiv, und es würde uns heute vorkommen, wie aus einer unterentwickelten Welt. Es gibt für 30 Kinder nur ein Klosett ohne Wasserspülung. Beim An- und Ausziehen mussten die größeren Kinder den kleineren helfen. Die Badestube, im Keller dienten allen Insassen. (Baden einmal die Woche) Man trug die Kleinen „huckepack“ vier Treppen. In den Waschräumen standen die Waschschüsseln auf Holzbanken, es gab nur ein Wasserhahn. Die Einrichtung der Wohnräume bestand aus Tischen und Banken, die oft recht alterschwach waren. Es gab nur wenige Schränke. Für die Kleider der Kinder waren zwei Verschläge vorhanden. Für die Mädchen unter der Speichertreppe, für die Knaben im Wohnzimmer. Und weiter schrieb Schwester Schlierbach: „Morgens gab es eine dicke Suppe Haferflocken, dazu ein Stück trockenes Brot. Das Frühstückbrot war bestrichen. Mittags wechselte der Eintopf mit einer Hülsen- oder Gemüsesuppe und an die Abendmahlzeiten wurde keine grösseren Ansprüche gestellt“.

Kreiskinderheim Waldbröl

Ehemaliges KdF-Hotel der Nazis, umgebaut 1939, ehemalige Heil-und Pflegeanstalt der Diakonie.

Der Komplex bestand aus Krankenhaus, Kinderheim, Altenheim und angegliederten Bauernhof. Kinder- und Altenheim sind heute abgerissen. Akten existieren nach Auskunft der Träger bzw. ihrer Nachfolger nicht mehr

Offizielle Bezeichnung:

Kreiskinderheim Waldbröl

Kaiserstrasse bzw. Klinikgelände Oberbergischer Kreis
durch die Kreiskrankenhaus GmbH 1951 – 1974

Anfangs Schwestern des Diakonissenmutterhauses Stettin- Finkenwalde.
Es handelt sich um das 1852 gegründete Diakonissen- Mutterhaus „Kinderheil“ in Stettin bzw. ab 1929 in Finkenwalde. Das Mutterhaus siedelte sich nach Flucht und Vertreibung in Bad Harzburg an, durch die Vermittlung des Kaiserswerther Vorstehers Siegfried Graf von Lüttichau kamen auch einige Schwestern nach NRW bzw. in den Oberbergischen Kreis.

Kinder: Die Kinder im Kinderheim waren hauptsächlich Kriegswaisen, die mit den Diakonisse aus den Ostgebieten kamen und in Waldbröl betreut wurden.