Ehemalige Heimkinder Selbsthilfegruppe · Städteregion Aachen

Wissen & Studien · Medikamente

Medikamentenversuche an Heimkindern

Eines der lange verschwiegensten Kapitel: In Heimen und Anstalten wurden Kinder ohne ihr Wissen mit Psychopharmaka ruhiggestellt — und für pharmazeutische Arzneimittelprüfungen benutzt. Die Forschung dazu ist noch jung. Hier die zentralen Arbeiten zum Herunterladen.

Was geschah

Zwischen 1949 und 1975 wurden in Kinderheimen, heilpädagogischen und psychiatrischen Anstalten Medikamente eingesetzt, um Kinder gefügig und „pflegeleicht" zu machen — häufig Neuroleptika und andere sedierende Mittel. Belegt ist außerdem, dass an Heimkindern klinische Arzneimittelprüfungen durchgeführt wurden, ohne wirksame Einwilligung und ohne den Schutz, der Erwachsenen selbstverständlich war. Betroffene waren dem schutzlos ausgeliefert.

Sylvia Wagner: Arzneimittelprüfungen an Heimkindern (2019)

Die Dissertation der Pharmazeutin Sylvia Wagner an der Universität Düsseldorf gilt als Pionierarbeit. Sie weist für die Jahre 1949 bis 1975 systematisch nach, dass an Heimkindern Medikamente — mit Schwerpunkt Neuroleptika — geprüft wurden, unter anderem am Beispiel der Rotenburger Anstalten der Inneren Mission. Wagner hat damit ein bis dahin nahezu unerforschtes Unrecht überhaupt erst öffentlich gemacht.

Herunterladen: diss-Sylvia-Wagner-1.pdf (Uni Düsseldorf, 2019)

Arzneimittelprüfungen in der Stiftung Bethel (2020)

Niklas Lenhard-Schramm, Dietz Rating und Maike Rotzoll untersuchten Arzneimittelprüfungen an Minderjährigen im Langzeitbereich der Stiftung Bethel für die Jahre 1949 bis 1975. Die von der Einrichtung selbst in Auftrag gegebene historisch-medizinische Aufarbeitung rekonstruiert die Rahmenbedingungen, die solche Versuche möglich machten, und benennt konkrete Fälle.

Herunterladen: Arzneimittelpruefung_Bethel_lang_FINAL_13.5.20.pdf

Verschickungskinder: sedierende Arzneimittel (Forschungsansatz)

Sylvia Wagner und Burkhard Wiebel skizzieren, wie auch in Kinderkur- und Erholungsheimen sedierende Medikamente eingesetzt und teils Arzneimittelprüfungen durchgeführt wurden. Der Text verbindet die Verschickungsfrage mit der Medikamentenfrage und zeigt, dass beide Themen zusammengehören.

Herunterladen: Verschickungsheime.pdf (Wagner/Wiebel)

NRW-Vorstudie: Medikamenteneinsatz in Heimen (2017)

Im Auftrag des NRW-Gesundheitsministeriums erstellte Niklas Lenhard-Schramm eine Vorstudie zum Medikamenteneinsatz in Kinderheimen, Einrichtungen der öffentlichen Erziehung sowie heilpädagogischen und psychiatrischen Anstalten. Sie diente als Grundlage für die weitergehende Forschung und ordnet das Thema landespolitisch ein.

Herunterladen: MM17-20.pdf (NRW-Landtag, 2017)

Ein Kapitel, das erst am Anfang steht

Die Forschung zu Medikamentenversuchen ist deutlich jünger als die zur Heimerziehung insgesamt — vieles ist noch nicht aufgearbeitet, viele Akten noch nicht ausgewertet. Für Betroffene, die vermuten, selbst betroffen zu sein, ist die Akteneinsicht ein möglicher erster Schritt. Wir begleiten Sie dabei.