Ehemalige Heimkinder Selbsthilfegruppe · Städteregion Aachen

Für Betroffene · Älterwerden

Der Blick von Menschen mit Heimerfahrung auf das Älterwerden

Wie erleben Menschen, die als Kinder Gewalt in Heimen erfahren haben, das eigene Älterwerden — und was brauchen sie, um in Würde alt zu werden? Diese Frage stellt eine neue Broschüre der Unabhängigen Aufarbeitungskommission des Bundes.

Im September 2026 hat die Unabhängige Kommission des Bundes zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs die Broschüre „Der Blick von Menschen mit Heimerfahrung auf das Älterwerden: Sorgen, Wünsche und Forderungen" veröffentlicht. Sie beruht auf einem Forschungsprojekt, für das Wissenschaftlerinnen der Alice-Salomon-Hochschule Berlin Betroffene ausführlich befragt haben. Die Broschüre richtet sich in erster Linie an Betroffene selbst, aber auch an Angehörige und an Fachkräfte in der Altenpflege.

Unsere Gruppe ist dabei

Im bundesweiten Anlaufstellen-Verzeichnis der Broschüre ist unsere Selbsthilfegruppe aufgeführt — als „SHG ehemalige Heimkinder", Aachen. Ein Zeichen, dass unsere Arbeit über die Region hinaus wahrgenommen wird.

Worum es geht

Viele Frauen und Männer, die als Kinder und Jugendliche in Heimen Gewalt erlebt haben, sind heute hochaltrig. Für sie ist die Vorstellung, im Alter erneut in einer Einrichtung leben zu müssen, eine enorme Belastung — alte, traumatische Erfahrungen können dadurch neu aufbrechen. In den Interviews wurden immer wieder dieselben Sorgen deutlich:

  • Verlust von Privatsphäre — ein eigenes Zimmer ist für viele eine Grundvoraussetzung; das Teilen eines Raums ist kaum vorstellbar.
  • Verlust von Autonomie, Angst vor Zwang — keinesfalls wieder fremdbestimmt werden oder sich starren Abläufen unterordnen müssen.
  • Körperliche Pflege und Nähe — für viele schwer erträglich; manche meiden schon heute Arztbesuche und Untersuchungen.
  • Beziehungsqualität — ohne Vertrauen funktioniert Pflege nicht; wichtig sind Freundlichkeit, Geduld und möglichst gleichbleibende Bezugspersonen.
  • Angst vor erneuter Gewalt und vor Zwangsmedikation, wenn sie als „schwierig" gelten.
  • Existenzängste — die Sorge, sich Pflege nicht leisten zu können und keine Wahlfreiheit beim Heim zu haben.
  • Angst vor Stigmatisierung — nicht erneut auf den Stempel „Heimkind" reduziert werden.
  • Sorge vor fehlender Beistandschaft — im System allein dazustehen, ohne jemanden, der die eigenen Rechte vertritt.

Was gefordert wird

Aus diesen Sorgen leitet die Broschüre konkrete Wünsche und Forderungen ab — an Fachkräfte, Einrichtungen und die Politik:

  • Traumasensible Pflege und Beratung: Handlungen ankündigen und erklären, Grenzen und „No-Gos" ernst nehmen und festhalten.
  • Privatsphäre und Selbstbestimmung: Einzelzimmer, alternative Wohnformen (Bungalows, Wohngemeinschaften), Flexibilität im Tagesablauf.
  • Finanzielle Absicherung und Entschädigung, damit eine passende Pflege überhaupt wählbar ist — mit zentralen Ansprechpersonen.
  • Schutzkonzepte in allen Einrichtungen, eine unabhängige Beschwerdestelle und ein persönlicher Beistand für Betroffene.
  • Qualifizierung von Fachkräften zu Traumafolgen und zur Geschichte der Heimerziehung.

Auch für Angehörige und Fachkräfte

Die Broschüre enthält Stimmen aus der Pflegepraxis, eine praktische Checkliste zur Auswahl eines Pflegeheims sowie einen umfangreichen Anhang mit Projekten, Materialien und Anlaufstellen für Betroffene.

Broschüre herunterladen

Download (barrierefreie PDF): Broschüre „Der Blick auf das Älterwerden" (PDF)

Herausgeberin und Originalquelle: Unabhängige Aufarbeitungskommission des Bundes. Gedruckte Ausgaben (DIN A5, 71 Seiten) können dort kostenlos unter kontakt@aufarbeitungskommission.de bestellt werden.

Passend dazu: unser Ratgeber „Wie weise ich meinen Heimaufenthalt nach?" und die Seite Für Betroffene mit Wegen zu Hilfe und Anerkennung.

Sie sind nicht allein

Wenn Sie über das Älterwerden, über Pflege oder über Ihre Geschichte sprechen möchten — melden Sie sich. Der Anrufbeantworter ist rund um die Uhr erreichbar, und wir rufen zurück.
Tel. 02405 / 426831 · info@sehka.org