Jenseits der Sechzig beginnt die Zeit der Rechenschaft. Pläne lassen sich nicht länger aufschieben, Versäumnisse immer seltener nachholen, und Versprechen müssen eingelöst oder für immer gebrochen werden. Die Psychologie lehrt, dass in diesem Alter jahrzehntelang gehütete Lebenslügen aufbrechen, Traumata ins Bewusstsein drängen und verschüttete Ängste wieder zum Vorschein kommen.
Das Thema meiner Heimerziehung wurde in den Medien und im Gespräch mit meinem Bruder Ernst Christoph immer drängender. Die Erinnerungen wurden stärker, ich konnte mich ihnen immer weniger entziehen. Auch für mich ist es an der Zeit, mich mit diesem Teil meiner Geschichte auseinanderzusetzen — doch will ich das wirklich?
Soll ich mit Heimleitern, Sozialarbeitern, Diakonissen, Pfarrern sprechen? Menschen, die nie wirklich mit mir geredet haben, von denen ich nur Anweisungen erhielt. Sollen ausgerechnet sie, die sich für ihre Pädagogik rechtfertigen müssten, von mir Erklärungen verlangen? Soll ich Entschuldigungen von Institutionen entgegennehmen, die zugleich Täter abschirmten und in ihren Archiven nichts mehr über mich finden wollen? Soll ich Nachweise erbringen gegenüber jenen, die Unterlagen verborgen halten oder angeblich nicht aufbewahren konnten?
Mein Bruder hat versucht, unsere Heimexistenz und unser Leid durch Dokumente zu belegen. Das Ergebnis: Bis heute ist nach vielen Nachfragen nicht einmal unser formaler Aufenthalt in den Heimen zweifelsfrei belegbar. Die Häuser, die uns nie ein Zuhause waren, sind abgerissen. Die Akten wurden ausgelagert — wohin, wann und von wem sie vernichtet wurden, ist nicht zu erfahren. Aus Sicht der Akten existieren wir mit unserer Heimbiografie nicht mehr. Doch wir als Brüder existieren noch — und damit auch unsere Geschichte. Deshalb möchte ich uns beide vorstellen und Auszüge daraus erzählen.
Unsere frühen Jahre und die Einweisung ins Heim
Mein Bruder, Ernst Christoph, wurde 1948 in Gummersbach geboren. Ein Jahr und acht Tage später kam ich, Thomas, 1949 ebenfalls in Gummersbach zur Welt. Unser Vater war kriegsversehrt — ein Arm amputiert — und arbeitete zunächst als kaufmännischer Angestellter, später als Handelsvertreter; nach einer Schwarzmarktsache in Köln kam er ins Gefängnis. Unsere Mutter war nicht berufstätig. Die Ehe unserer Eltern wurde bereits 1950 geschieden, und unsere Mutter musste uns allein durchbringen.
Mit fünf Jahren kamen mein Bruder und ich in das Kinderheim „Evangelische Probsthofschule" in Niederdollendorf, Träger war die Diakonie Kaiserswerth. Wer für die Einweisung zuständig war, ist heute nicht mehr zu ermitteln. Der Probsthof war ein Kinderheim mit angeschlossener Grundschule.
Niederdollendorf — hinter den Mauern des Probsthofs
Für Kinderaugen konnte ein Ort wie Niederdollendorf zwischen den Weinbergen des Siebengebirges und dem Rhein eine fast mystische Aura annehmen: der Fluss mit seinen vorbeiziehenden Schiffen, der Drachenfels im Hintergrund, die Sagen von Siegfried und dem Schatz der Nibelungen. Doch die Realität ließ solche Träume schnell verblassen.
Das Heim lag landschaftlich reizvoll, und selbst Bundeskanzler Adenauer, wohnhaft im nahen Rhöndorf, bescherte uns Kindern zu Weihnachten 1954, begleitet von einem Medientross. Die Bilder zeigten eine schöne Welt — leider nicht unsere. Das Heim war von einer Mauer umgeben, die Eingänge wurden überwacht. Kontakt mit den Dorfbewohnern war unerwünscht und wurde unterbunden. Das Essen war dürftig, die Disziplin allgegenwärtig. Verließen wir das Heim, geschah das stets als Gruppe: Wir „marschierten" in Zweierreihen, geführt von einer Diakonisse.
Misshandlung und Hilflosigkeit
Mein Bruder wurde eingeschult, ich war ein Jahr in der Warteschleife — schutzlos, alleingelassen, gedemütigt, in einer emotionalen Wüste. War er in der Schule, vermisste ich ihn sehr und war für die Anweisungen der Diakonissen nicht empfänglich. Sie setzten ihre Vorstellungen mit Druck durch: mit Schlägen, mit dem Rohrstock auf alle Körperteile, mit Einsperren im Kohlenkeller ohne Stuhl oder Pritsche, manchmal die halbe Nacht. Erbrochenes musste ich wieder essen.
Ich reagierte immer weniger auf diese Maßnahmen, wurde körperlich labiler, machte ins Bett, verschloss mich. Wir schliefen in einem großen Schlafsaal, die Toiletten lagen im Außenbereich. Nach 18 Uhr war für uns Kleine Schlafenszeit; ein Gang zur Toilette war dann nicht mehr möglich. Wer trotzdem hinausging und erwischt wurde, musste stundenlang im Nachthemd auf der Veranda stehen und fror erbärmlich.
Die Lage eskalierte so weit, dass ich nur noch über meinen Bruder ansprechbar war; auf Erwachsene hörte ich nicht mehr. Mein Bruder galt dann ebenfalls als schuldig und wurde mitbestraft. Für besonders schwere Bestrafungen beauftragte die Heimleiterin Katharina Schlierbach den Hausmeister und Heizer der Schule — nach der Erinnerung meines Bruders ein ehemaliger Polizist aus der NS-Zeit. Wir aber waren nicht die großen Jungen, die üblicherweise seinen Misshandlungen ausgesetzt waren, sondern kleine, schmächtige Sechs- und Siebenjährige.
Zur Strafe mussten wir bei den Ausflügen an den Rhein ein Schild mit der Aufschrift „Ich bin ein Bettnässer" tragen. Nach einer Strafpredigt schlug er mit einem Gummischlauch auf meinen Bruder und mich ein, bis unsere Rücken voller blauer Striemen und die Rippen wund waren. Vor Schmerzen konnten wir uns kaum bewegen. Grauenhaft, traumatisierend.
Ein glücklicher Zufall und eine neue Hoffnung
Unsere Mutter besuchte uns, wann immer es ihr möglich war — selten, denn die Heimleitung wünschte Besuche nicht, um die „pädagogischen" Abläufe nicht zu stören, und die Anfahrt war damals aufwendig. Zum Glück kam sie kurz nach einer dieser Misshandlungen. Ein Blick auf meinen Rücken genügte: Sie nahm uns mit nach Hause.
Doch unsere Mutter musste arbeiten, wir mussten zur Schule. So wurden wir in ein „besseres Heim" nach Waldbröl gebracht; ein Vormund sorgte dafür, dessen Name heute nicht mehr zu ermitteln ist. Zu Lebzeiten unserer Mutter durfte das kein Thema sein.
Trennung und Wiedervereinigung in Waldbröl
Meine Lage war besonders schwierig, weil ich nicht bereit war, auf Erwachsene zu hören. In der Schule wurde ich in die erste Klasse zurückversetzt. Ein Psychologe befand, ich sei „ein debiles Kind" und müsse zwingend von meinem Bruder getrennt werden. Die Folge: Mein Bruder blieb allein im Kinderheim Waldbröl, ich kam zu einer Pflegefamilie nach Ewersbach. Sie bemühte sich sehr um mich, gab mich aber nach einem Jahr wieder ab, weil die Fortschritte aus ihrer Sicht ausblieben.
Endlich kam ich ins Heim nach Waldbröl — wieder mit meinem Bruder zusammen. Das Kreiskinderheim war insofern besser als der „Kinderknast" von Niederdollendorf, als es stärker unter öffentlicher Kontrolle stand: Wir besuchten nun eine öffentliche Schule und konnten uns freier bewegen. Intern aber galten weiterhin Zucht und Ordnung, durchgesetzt mit Gewalt. Jungen- und Mädchenstation waren strikt getrennt; jüngere und ältere Kinder lebten auf engem Raum zusammen, und die Älteren waren angehalten, die Jüngeren „mitzuerziehen" — nach denselben Prinzipien wie die Diakonissen. Für uns Jüngere bedeutete das Schläge von zwei Seiten. Die Gewalt war nicht so brutal wie im Probsthof, doch man musste ständig auf der Hut sein und fand bei Erwachsenen keinerlei Schutz. Da war es gut, einen Bruder zu haben.
Das Ende des Martyriums — Amrum 1962
Im Jahr 1962, nach acht Jahren in der Obhut der Diakonie, fand das Martyrium ein Ende. Eine Arbeitsstelle auf der Nordseeinsel Amrum ermöglichte es unserer Mutter, uns aus dem Heim zu holen und eine kleine Wohnung zu mieten. Dort konnten wir endlich als kleine Familie leben, ohne die seelische Last des Heims.
Bei allem Elend gab es auch einige wenige schöne Momente. Das Wichtigste war zweifellos die Liebe und Verlässlichkeit meines Bruders, auf die ich mich bis heute blind verlassen kann.
Der Obhut unserer Erzieher entronnen zu sein, hieß nicht, frei zu sein: Die Folgen der Heimerziehung wurden uns erst nach und nach bewusst. Es brauchte Jahre, bis mein Misstrauen, meine Furcht und meine Angstzustände sich zu lösen begannen — ein Prozess, der bis heute anhält.
Die Herausforderung der Wiedergutmachung
Der Fonds „Heimerziehung West" verlangte von mir, die Folgeschäden meines achtjährigen Heimaufenthalts zu benennen, zuzuordnen und nachzuweisen, um überhaupt eine Grundlage für eine Wiedergutmachung zu schaffen. Wie soll das möglich sein? Einige der gravierendsten Folgen:
- Körperliche Gewalt. Die anhaltenden Auswirkungen sind Angstzustände, die Unfähigkeit, über Gefühle zu sprechen, und eine tiefe Verschlossenheit.
- Religiöser Zwang. Die christliche Erziehung hatte keine Vorbildfunktion, sondern bestand aus Ritualen — Gebet, Gesang, Schläge. Geblieben ist eine fast allergische Abwehr gegen jede Form organisierter Religion.
- Mangelnde Gesundheitsfürsorge. Zahnhygiene spielte keine Rolle; zusammen mit unzureichender Ernährung führte das früh zu massiven, lebenslangen Zahnproblemen.
- Arbeit im Heim. Weit über das familienübliche Maß hinaus: Putzen, Küche, Garten, und in Waldbröl die Feldarbeit auf dem angegliederten Gutshof, zur Erntezeit wochenlang täglich.
- Vorenthaltene Begabung. Gefördert wurde nur eines — das Auswendiglernen kirchlicher Lieder und Texte. Andere Talente wurden nicht gesehen, Schwächen wie eine Legasthenie nicht erkannt. Es brauchte Jahrzehnte an Nacharbeit, um das aufzuholen.
Nachbemerkung: Akten, Archive und das Vergessen
Mein Bruder hat unzählige Stellen angeschrieben, um unseren Heimaufenthalt zu belegen — das Diakonissen-Mutterhaus Kinderheil in Bad Harzburg, das Archiv des Landschaftsverbands Rheinland, die Fliedner-Kulturstiftung Kaiserswerth, das Kreisarchiv des Oberbergischen Kreises, Landesarchiv, Kreis, Stadt Waldbröl, mehrere Kirchengemeinden, die Diakonie RWL. Die Antworten glichen sich: keine Unterlagen, nichts auffindbar, Schwestern verstorben. Nur über sekundäre Dokumente wie Schulzeugnisse ließ sich der Aufenthalt überhaupt glaubhaft machen. Wir als Brüder können einander bezeugen; schwer hat es, wer im Heim allein war.
Über den Zustand des Probsthofs gibt es ein Zeugnis von innen: In der Schrift von Ernst Füg, „Nehmt uns auf" (1974), beschreibt Schwester Katharina Schlierbach das Haus von 1954 — Überalterung, fehlendes warmes Wasser, unzureichende Toiletten, für dreißig Kinder ein einziges Klosett ohne Spülung, Baden einmal die Woche, karge Mahlzeiten aus Haferschleim und Eintopf. Das Kreiskinderheim Waldbröl wiederum war in einem umgebauten früheren NS-KdF-Hotel untergebracht und von 1951 bis 1974 in Betrieb; Kinder- und Altenheim sind heute abgerissen, Akten laut den Trägern nicht mehr vorhanden.
Die Kaiserswerther Diakonie hat ihre Rolle zeitweise aufzuarbeiten versucht: 2012 lud sie zu einem Studientag „Ehemalige Heimkinder", stellte Informationen und eine Anlaufstelle bereit, gab eine Stellungnahme zur Übernahme von Verantwortung ab. Vieles davon war online — und wurde anschließend wieder gelöscht. So geht man mit der Vergangenheit um: benennen, dann verbergen. Genau das ist das zweite Unrecht, gegen das wir uns wenden.
Wir schreiben dies nieder, damit das Unrecht nicht ein zweites Mal verschwindet. Wer heute Ähnliches durchlebt oder Anerkennung sucht, findet bei uns ein offenes Ohr. Was wir anbieten und wie Sie uns erreichen.